Einladung zum interreligiösen Dialog oder zu
interreligiöser Dialektik?
Akteure aus Politik,
Religionen und
Wissenschaft können ein neues Zeitfenster zum
interreligiösen Dialog aufstoßen und mehr zur
gegenseitigen Toleranz und letzten Endes zur
gegenseitigen Anerkennung
beitragen.
Genau damit sind viele
derzeit beschäftigt. Doch wie beginnt man
einen solchen Dialog?
Der bayerische
Ministerpräsident, Edmund Stoiber, hat am 7.
September 2006 gegenüber der Bild –Zeitung erklärt:
"Das Christentum unterscheidet sich etwa
vom Islam dadurch, dass wir Intoleranz ablehnen,
Religionsfreiheit gewähren, die Gleichberechtigung
von Mann und Frau vertreten, Zwangsheiraten ganz
entschieden nicht billigen. Für
uns ist jeder Mensch einzigartig, jeder Mensch hat Würde,
Freiheitsrechte und ist gleichberechtigt."
Nur 4
Tage später, am 12.September 2006 ist
Papst Benedikt XVI
während
einer Rede an der Universität Regensburg auf das
moslemische Verständnis des „Heiligen Krieges“
eingegangen. Dabei hat er
einen Teil des Dialogs zitiert, den
der gelehrte byzantinische Kaiser Manuel II.
Palaeologos (1350
bis 1425) wohl
- zurzeit der osmanischen Großmacht und deren
Eroberungszüge - 1391 im Winterlager
zu Ankara -
mit einem gebildeten Perser über Christentum
und Islam und beider Wahrheit führte. Zitat des
Papstes aus den Worten des Kaisers:
"Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat und da
wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie
dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den
er predigte, durch das Schwert zu verbreiten."
Im Vorfeld dieser
Themenanstöße
hatten hochrangige deutsche Politiker
mehrmals
die Muslime in Deutschland und darüber
hinaus dazu ermahnt,
„sich vom Terrorismus zu distanzieren“.
Ein anderer Anstoß, welcher auch ein großes
Aufsehen erregt hat, war der Streit um
Mohamed –Karikaturen. http://www.araby.de/mohamed_karikatur.html
.
Otto
Schily, ehemaliger Bundesinnenminister (SPD) hatte
bereits am 23.02. 2002 auf einem SPD-Kongress in
Dessau gesagt: "Toleranz
bedeutet nur die Bereitschaft, eine Religion oder
Weltanschauung nicht mit Gewalt zu unterdrücken“(...)
„Es muss aber erlaubt sein zu sagen, dass
der muslimische Glaube eine Verirrung ist.“
Alle
diese geistig-kulturellen,
manchmal aber
auch
kulturlosen
Auseinandersetzungen
haben
eine Ursache:
Ohne die von islamischen Extremisten und Terroristen verübten
Anschläge vom
-
11.
September 2001 in New York ;
-
13. Oktober
2002 in Bali
-
17. Mai
2003 in Casablanca,
-
11. März
2004 in Madrid,
-
3.
November 2004
( Mord an Theo van Gogh),
-
7.
Juli 2005 in London , Anschlagsversuch vom
-
30 Juli
2006 in Deutschland ( Anschlagsversuch) und
-
mehrere
Ehrenmorde auch in Deutschland
wäre
es weder zu den schroffen und pauschalen Vorurteilen
von Otto Schily am
23.02. 2002 oder von
Edmund
Stoiber am 7.
September 2006 gegenüber
den Muslimen gekommen, noch hätte Papst Benedikt
XVI am
12.September 2006
diesen Teil aus dem
Dialog
von
Kaiser
Manuel II. Palaeologos
-
in welchem Kontext auch immer- zitiert.
Ereignisse
gibt es also
genug, aus denen sich die neuen Frage der
Tagesordnung des Dialogs aufdringen.
Doch
um diesen Dialog auf die richtige
Schiene zu setzen,
braucht man den richtigen Hebel an der
richtigen Stelle, und nicht das populistisches,
Wahlkampf-Repertoire oder emotionsgeladene Rhetorik,
die möglicherweise
nebenbei auch dazu dienen sollen, die Mehrheitsgesellschaft auf
die Ablehnung des Rechts auf Anderssein
( etwa Kopftuchtragen) vorzubereiten.
Preußenkönig
Friedrich II. - später „Der
Grosse“ genannt -
würde sich im Grab umdrehen, wenn er wüsste,
wie die Staatsmänner von heute solchen Dialog oder
auch eine Dialektik anfangen: Der sagte schon
im Juni 1740 -
als er gerade
auf den Thron gelangt
war, auf eine
Anfrage aus der Stadt Frankfurt/Oder hin, ob
in der evangelischen Stadt ein Katholik das Bürgerrecht
erwerben dürfe - majestätisch mit voller Achtung
vor anderen Glaubensrichtungen, Völker, ethnischen
Gruppen und anderen Personen folgendes:
"Alle Religionen sind gleich und gut,
wenn nur die Leute, die sich zu ihnen bekennen,
ehrliche Leute sind. (…) Und wenn die Türken kämen
und wollten hier im Lande wohnen, dann würden wir
ihnen Moscheen bauen!.“
Genau so ist es, wie
Friedrich II sagte: Der Schlüssel
für das
friedliche Zusammenleben miteinander und
nebeneinander, ist die Ehrlichkeit.
Und wo
haben wir die Ehrlichkeit heutzutage? Wie sollen wir
eine neue Kultur der Ehrlichkeit herstellen?
Kann es eine
Ehrlichkeit ohne ehrliche Menschen geben?
Kann es eine echte Demokratie ohne ehrliche Demokraten
geben? Zuerst
müssen die Menschen im
Allgemeinen und Politiker im Besonderen damit
aufhören, ethisch
fragwürdiges Verhalten einfach zu tolerieren. Es müssen
Leitbilder für
die Entwicklung eines modernen und ehrlichen
Verantwortungsbewusstseins geschaffen
werden.
Und
was mehr als ethisch fragwürdig ist und was sich im
Abkehr zum erwünschten Dialog entwickelt oder
entwickeln kann, sind
destruktive Kritik
und undifferenzierte
Betrachtungen - etwa wie pauschale
Ermahnungen der hochrangigen deutschen Politiker an
die Muslime in Deutschland, „sich von Terrorismus
zu distanzieren“. Wann
ermahnen die Menschen, insbesondere
Staatsmänner
eine gesellschaftliche Gruppe, sich vom etwas
Verächtlichem zu distanzieren? Das geschieht, wenn
die Annahme besteht, dass die gemeinte ethnische,
religiöse oder andere Gruppe mehrheitlich
das verächtliche Phänomen toleriert oder sogar
unterstützt. Tun
die Muslime so etwas in Deutschland und darüber
hinaus (abgesehen von etwa 1%
gewaltbereiten
ideologisierten Fanatikern und
Hasspredigern)?
Was empfänden diese Politiker , wenn man
sagen würde: Die deutschen Politiker sollen sich
von Anschlägen auf Migranten und einfach nur anders
aussehende Menschen in Deutschland distanzieren! Der
Reaktion darauf wäre möglicherweise die Einleitung
eines Straf- und möglicherweise auch eines
Abschiebeverfahrens gegen solche Polemiker.
Die Anklage würde
dann lauten: Volksverhetzung!
Der Staatsmann Edmund
Stoiber hat neulich eine ganz deutliche
Sprache gesprochen. Er will den Dialog auf
seiner Art stiften: Einerseits deklariert er
den Respekt vor Würde eines jeden Menschen, im
gleichen Atemzug aber treibt er einen Keil zwischen Christen und Muslime,
indem er
dem Islam und pauschal allen Muslimen
jegliche Moral und Nächstenliebe abspricht. Er
sagte „wir“. Er meinte Christen einschließlich
sich selbst, als wäre er das Oberhaupt der Christen
auf der Welt. Dabei hat er außer Acht gelassen,
dass er als
Staatsmann keine
Partei zugunsten einer Religion oder ethnischer Gruppe ergreifen
darf. Mit
dem Wort „wir“ meinte er natürlich
die katholischen und protestantischen
Christen. Es
ist beruhigend, dass Herr Stoiber mit dem Wort
wir die Zeit des
15. und 16. Jahrhunderts nach Christus, in der
die Katholiken die Protestanten wegen ihrer
Glaubensrichtung systematisch verfolgt und gegen sie
Krieg geführt haben, als Schnee von gestern
betrachtet. Das
ist auch gut so. Es trägt
zum konstruktiven Dialog bei. Aber wenn wir nach den
Urhebern der Gewalt fragen, dann glauben viele,
dass der
Islam und
die mangelnde dialektische Diskussion um den Islam
innerhalb der islamischen Gesellschaften den
Anschlag von 11. September 2001 und anderen verschuldet hätten. Leute, die so etwas glauben, sollen sich einfach fragen: haben die ehrlichen Katholiken,
das Christentum und
Jesus Christus
die Verfolgung an den
Protestanten verschuldet?
Um auf den Schlüsselbegriff
Ehrlichkeit zurückzukommen: Ehrlich und hilfreich wäre,
wenn die Wortführer und Medien der nördlichen
Hemisphäre mit
den pauschalen Anschuldigungen aufhören würden,
die Keimzellen, aus denen
sich die islamisch-extremistischen Ideologien
herausbilden, lägen in der islamischen Kultur und
der islamischen Gesellschaft,
und daher sei es die
Pflicht dieser Gesellschaften,
diese Keimzellen auszurotten – von
innen heraus also. Ehrlich zu sagen ist auch, dass
sich die Akteure dieser Anschuldigungen in
Erinnerung wachrufen
müssen, dass die Politiken der nördlichen Hemisphäre
ca. 90 Jahre lang den Schulterschluss
mit den islamischen Staatsmännern und deren
Staatssystemen gegen das Feinbild Kommunismus bzw.
Sozialismus geübt haben, wobei sie zur Entfesselung
des Kapitalismus und Befestigung der Diktatur
beigetragen haben. Somit haben sie
zu sozialen und
wirtschaftlichen Missständen in diesen
Islamischen Ländern beigetragen.
Ehrlich
zu sagen ist auch dies, dass der
israelisch-palästinensische Konflikt Teil
des hier in Rede stehenden Problems ist, zu dessen Lösung
auch die westlichen Länder in die Pflicht genommen
müssen. Nicht ehrlich ist, dass die politischen
Akteure der westlichen Länder „durch die
breite Tür gehen“ und
der Einfachheit halber psychischen und administrativen
Druck auf die Migranten mit
islamischem Hintergrund, aber auch auf den
gesamten Islam und Muslime ausüben; sie und
schaffen dadurch ein neues Feindbild anstatt ein
neues Zeitfenster zum positiven Dialog. Und damit
treiben sie die
indoktrinierbaren Menschen in die Hände der
Extremisten, was diesen willkommen ist.
Ja, genau so schafft
man Feindbilder:
Ministerpräsident Edmund Stoiber
spricht
jedem Menschen die
Würde zu,
im gleichen Atemzug aber entwürdigt er den
Islam und alle Muslime, indem er sie sämtlich zum Sündenbock
macht wegen
des sittenwidrigen
Verhaltens weniger unaufgeklärter
fanatisierter und
ideologisierter Muslime, die unter anderem
ihre blinde Tradition
mit dem Islam vermischen, indem sie etwa ihre Töchter
auch durch die Vormundschaft, den Zwang,
verheiraten.
Die
Muslime, seien sie in oder außerhalb Deutschland
lebend, sollen und müssen
Trotz des obigen skizzierten Kontext
der "Einladung zum Dialog" durch
Edmund Stoiber, Papst
Benedikt XVI und
Otto Schily Gelassenheit
walten lassen
und die Chance nützen, sich noch toleranter zu
erweisen, als man es nur von ihnen denken kann. Die
(„schweigende“) Mehrheit der Muslime
soll und muss sich von der Rolle des
doppelten Opfers befreien -
einmal ist sie selber Opfer der
extremistischen Gewalt,
und zum anderen
muss sie den Kopf für die globalen
politischen, wirtschaftlichen, sozialen,
demokratischen, ideologischen und menschlichen
Fehlentwicklung, die den Extremismus verursachen,
hinhalten. Zu dieser
Befreiung gehört neben dem Bündnis mit den
ehrlichen Christen, Juden, Muslimen und anderen
ehrlichen Gläubigen und
ehrlichen Demokraten auch die
Sensibilisierung
aller Menschen für ein ethisch würdiges
Miteinander - für eine Kultur des
Verantwortungsbewusstseins, basierend auf
Freiwilligkeit, Toleranz und Konsens, nicht aber auf
einseitigen administrativen Maßnahmen. Dadurch
wird zur Beseitigung von Missverhältnissen,
Vorurteilen, Missverständnissen und Egoismus
innerhalb und außerhalb des eigenen Landes
dahingehend beigetragen, dass Menschen über die
Grenzen des eigenen Landes hinaus denken und zum
Wohle der gesamten Menschheit einander näher rücken,
Beziehungen befestigen und
Frieden und guten Lebensstandard langfristig
besser fördern
Ahmed
El kourai
Düsseldorf ,den 18. September 2006